Lebenslange Wagner-Liebe

Ist es Zufall, dass sich Strauss – ähnlich „Wahnfried“ in Bayreuth – eine prachtvolle Villa im Garmischer Gebirge bauen ließ, 1920 in Salzburg seine „eigenen“ Festspiele mitbegründete? Wenn Strauss auch Bayreuth im Jahr 1895 den Rücken kehrte, Wagner spielt das ganze Leben über weiter eine zentrale Rolle – abzulesen nicht zuletzt an den Bildern in der Komponierwerkstatt, für die sich sogar der knapp zweieinhalbjährige Sohn Franz begeistern konnte: „Bubi (...) sieht mir beim Schreiben zu und erklärt mir dabei unaufhörlich die Bilder an der Wand: Wagner, Beek-hoffen, Liszt, Bilow.“

Als Strauss die Leitung der Wiener Oper übernimmt, stehen neben Verdi- vor allem Wagner-Opern an der Spitze der Aufführungsliste, und: Noch im Jahr 1927 schreibt Strauss an seinen Textdichter Hugo von Hofmannsthal: „Ich hörte unlängst die „Meistersinger“, ein unerhörtes Werk. Seitdem verlässt mich der Wunsch nicht, auch noch ein Werk dieser Art zu schreiben – leider natürlich nur in gehörigem Abstand. Aber immerhin so ein richtiges deutsches Werk, ein gutes Theaterstück, zugleich ein echtes deutsches Kulturdokument.“

Gut sechs Jahre später, 1933, als Strauss bereits auf seinen 70er zugeht, kommt es überraschend zu einer weiteren Zusammenarbeit mit Bayreuth. Eine Zusammenarbeit, die das Ausland freilich verübelte, die Presse polemisieren lies:

Toscanini hatte aus Prostet gegen Antisemitismus und Diktatur – auch gekränkt durch die weite Ablehnung seines tempomäßig breit angelegten „Parsifals“ durch die Musik-Kritik –  seinen Abschied aus Bayreuth verkündet. Die Festspiele schienen gefährdet, doch Strauss ist – ohne Honorar –  spontan bereit einzuspringen und damit der neuen Herrin in Bayreuth – Winifred Wagner – aus der Patsche zu helfen. Den „Parsifal“ hatte er zuvor nur als Bayreuther Korrepetitor kennen gelernt, niemals als Dirigent. Strauss versucht Wagner von pathetischer Überlast zu befreien, dessen Intention folgend, Würde und Weihe nicht durch verschlepptes Tempo zu erreichen. Als Ivar Andresen, die Erzählung des Gurnemanz („Titurel, der fromme Held...“) sehr episch-breit anlegt, wird er von Strauss mit Händeklatschen und der Bemerkung ermuntert: „Warum singen’S denn dös gar so heilig? Dös müssen’S erzähl’n wie’n bayrischer Oberförster, der ‘n Bock g’schossen hat.“

So soll er gegenüber seinen Vorgängern den Parsifal um 45 Minuten Spieldauer gestrafft haben, in voller Anerkennung der Wagner-Familie: Winifred Wagner und der von ihr eingesetzte künstlerische Leiter der Festspiele Heinz Tietjen gratulieren am 4. Juni 1934 Strauss zum 70. Geburtstag: „Wir möchten dem Manne, dem Bayreuth in kritischen Tagen der Festspiele 33 und 34 durch den Einsatz der Einmaligkeit seiner Persönlichkeit und Künstlerschaft zu unendlichem Danke verpflichtet ist, zu dem Ehrentage seines 70. Geburtstages in treustem und dankbarstem Gedanken auf das Wärmste die Hand drücken.“ Sie fügen hinzu: „Nehmen Sie bitte auf diesem Wege unser treustes Gedenken entgegen, das wir mit dem stolzen Gefühl Ihnen darbringen, dass Sie auf dem Festspielhügel am Werke des anderen Richard unser so treu bewährter Helfer sind.“