Von Richard I. zu Richard III.
„Lohengrin ist süßliches Geschleife“, „die Hornstimmen in den Meistersingern sind Klarinettenstimmen“ – Vater Franz Joseph Strauss, erster Hornist im Münchner Hoforchester, lässt keine Gelegenheit aus, über die Musik Richard Wagners kräftig herzuziehen. Sein künstlerisches Credo ist allein der „Trinität Mozart (über allen), Haydn und Beethoven“ vorbehalten. Selbst am Tag nach dem Tod Richard Wagners verweigert er als einziger im Orchester, sich zum Gedenken vom Platz zu erheben.
Umso mehr überrascht, wie schnell Richard Strauss den geerbten Wagner-Hass ablegt. Aussagen wie folgende - nach einer „Siegfried“-Aufführung getätigt - gehören bald der Vergangenheit an: „Die Einleitung ist ein langer Paukenwirbel mit Bombardon und Fagotten, die in den tiefsten Tönen brüllen, was so dumm klingt, daß ich gerade hinaus gelacht habe... von zusammengehörigen Melodien keine Spur ... wieder das 1. Gebrumm, ich sage eine Unordnung ist da drin.“
Strauss saugt das „Gift“, wie es sein Vater zu nennen pflegt, gierig auf, zuerst versteckt, um keinen Familienskandal heraufzubeschwören, dann mit offener Begeisterung insbesondere für den "Tristan", der „prachtvollsten Belcanto-Oper“ (so Strauss 1886 nach einer Probe in Bologna). Zur Belohnung für das gut bestandene Abitur musste ihn Vater Strauss bereits 1882 schweren Herzens nach Bayreuth zu „Parsifal“ mitnehmen. Als er dabei Meister Wagner selbst begegnet, wagt er es freilich nicht ihn anzusprechen. Eine vergebene Chance. Wie sehr Strauss im Banne Wagners steht, ist bereits in frühen Kompositionen zu hören. Die Annäherung an Bayreuth folgt dennoch auf Umwegen: Hans von Bülow, Liszt-Schüler und der erste Gatte von Cosima Wagner, vermittelt Strauss als Musikdirektor nach Meiningen. Der später von Mentor Bülow getätigte Ausspruch „Richard I. ist Wagner, einen Richard II. gibt es nicht, also ist Strauss Richard III.“ wird rasch zum legendärem Zitat.
Die Beschäftigung mit Wagner wird noch verstärkt als Strauss 1885 in Meiningen die Bekanntschaft mit Alexander Ritter macht. Der erste Geiger in Meiningen, mit der Nichte Richard Wagners verheiratet, kommt aus dem Lager der sogenannten „Neudeutschen“ um Wagner und Liszt. Er versorgt Strauss mit Schriften Wagners wie Schopenhauers und widerlegt letzte Vorurteile, die Strauss auch gegen Liszt hegte: „Neue Gedanken müssen sich neue Formen suchen – dieses Lisztsche Grundprinzip seiner sinfonischen Werke, in denen tatsächlich die poetische Idee auch zugleich das formbildende Element war, wurde mir von da ab der Leitfaden für meine eigenen sinfonischen Arbeiten...“
Die Freundschaft mit Ritter führt – Opernfreunde danken – darüber hinaus zu Strauss‘ erster Betätigung auf dem Gebiet des Musiktheaters: „Guntram“, eine mittelalterliche Rittergeschichte nach eigener Dichtung.

